Mini-Olympiaden auf einem „Kartoffelacker". Zu den Anfängen der Leichtathletik-Abteilung des Turnvereins Birkenfeld.

von Otmar Seul *)

Eine eigenständige Leichtathletikabteilung gibt es im Turnverein Birkenfeld erst seit Ende der 1950er-Jahre. Diese Neuerung hängt mit Entwicklungen zusammen, die bereits die Festschrift von 1973 andeutete. Die nach dem Zweiten Weltkrieg mit Wiederaufbau, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Modernisierung einhergehenden neuen Annehmlichkeiten und sich wandelnden soziokulturellen Bedürfnisse konnten auch in Birkenfeld nicht ohne Auswirkungen auf das Freizeitverhalten und die sportliche „Kultur“ bleiben: „Man hat sich immer mehr vom ‚harten’ Turnen dem ,leichteren’ Spielbetrieb und der Leichtathletik zugewandt.“ Dies bedeutete natürlich nicht, dass letztere erst eingeführt werden musste: Laufen, Springen, Werfen waren traditionsgemäß fester Bestandteil der sommerlichen „Gauturnfeste“ und wurden noch 1953, in der Festschrift zum 105-jährigen Bestehen des TVB, als „volkstümliches Turnen“ begriffen.

Wenn auch bei den Lehrern für „Leibesübungen“ am Birkenfelder Gymnasium das Gerätturnen noch bis in die 1960er-Jahre in hohen Ehren stand, so erwiesen sie sich dennoch nicht als Traditionalisten: Karl Seul und Hilde Renz, später Erwin Rott und Hilde Weber trugen als Organisatoren und Leiter der Bundesjugendspiele sowie als Trainer und Betreuer der Schulmannschaft bei den Rheinlandmeisterschaften der Gymnasien den Trend zur Leichtathletik voll mit. Es kam nicht von ungefähr, dass es Gymnasiasten waren, die in den frühen 1950er-Jahren dem Turnverein die ersten größeren leichtathletischen Erfolge „bescherten“,  etwa Irmgard Korb,  Waltraud Jungjohann und  allen voran Hille Ostermann: Die dreifache Rheinlandjugendmeisterin (im Fünfkampf, über 100 Meter und im Weitsprung) sprang 1953 bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in ihrer Spezialdisziplin mit 5,38 Metern auf den sechsten Platz.

Trotz solcher Erfolge hat sich der Terminus „Leichtathletik“ im vereinsinternen Sprachgebrauch erst durchgesetzt, nachdem ihre Disziplinen vom „Turn“-Betrieb abgekoppelt worden waren und ein Eigenleben zu führen begannen.

Den Anstoß zur Entwicklung einer Leichtathletikabteilung hatten Ende der 1950er-Jahre Schüler des Gymnasiums gegeben, die in eigener Regie Stadtteil-, ja sogar „Stadtmeisterschaften“ auf dem Sportplatz an der Jahnturnhalle organisierten; damals noch ein steiniger Hartplatz ohne Laufbahn, der bei auswärtigen Leichtathleten im Rufe eines „Kartoffelackers“ stand. Zu den Pionieren dieser „Bewegung“ gehörten vor allem Siegfried Stanschuß, Hans Rauwolf, Wolfgang Mörscher, Herbert Wefelscheid, Johannes Lövenich, Lutz Brede, Kurt und Hans-Joachim Seul sowie der Autor dieses Beitrags.

Die Originalität dieser Wettkämpfe lag darin, dass sie über das herkömmliche, im Turnverein und im Schulsport praktizierte Programm hinausgingen, also nicht mehr primär auf den Mehrkampf ausgerichtet waren. Natur und Anzahl der angebotenen Wettbewerbe verrieten, dass die Akteure dieser „Meisterschaften“ von einem wahrhaft olympischen Geist beseelt waren: Bis auf Hürden- und Hindernislauf, Stabhochsprung und Hammerwurf, für die es damals in Birkenfeld weder Geräte noch Anlagen gab, kamen alle Disziplinen zu Ehren, die zum olympischen Standardprogramm gehörten.

Olympia war in der Tat „in“. Die Spiele von Rom (1960) warfen ihre Schatten und sollten für die gesamtdeutsche Mannschaft die bis dahin erfolgreichsten Spiele der Nachkriegszeit werden. In den Reihen der Leichtathleten standen Weltklasse-Athleten wie Armin Hary, Manfred Germar, Carl Kaufmann, Martin Lauer, deren internationale Erfolge zur Popularität dieser Sportart beitrugen. Ihre Breitenwirkung aber verdankten diese Erfolge letztlich der fulminanten Entwicklung des Fernsehens, das im Laufe der 1950er-Jahre damit begonnen hatte, deutsche und internationale Meisterschaften sowie Länderkämpfe „live“ zu übertragen. Wenn die Leichtathletik in den 1960er-Jahren zum Breitensport mutierte, so natürlich vor allem aufgrund entsprechender sportpolitischer Weichenstellungen: Schulen und Gemeinden erfreuten sich bei der Schaffung moderner Wettkampfstätten in zunehmendem Maße staatlicher Förderung („Goldener Plan“). Auch der Birkenfelder Jahnplatz wurde 1964/65 ausgebaut. Die Mini-Olympiaden auf dem Hartplatz an der Jahnturnhalle weckten die Lust an der Leichtathletik. Bei dem breit gefächerten Programm traten vielseitige wie einseitige Begabungen rasch zutage. Wer zu „seiner“ Disziplin bzw. „seinen“ Disziplinen gefunden hatte, traute sich bald auch Wettkämpfe auf Kreis-, wenn nicht Landesebene zu. Die Teilnahme an offiziellen Veranstaltungen aber setzte die Mitgliedschaft in einem eingetragenen Verein voraus.

So schlossen sich die Leichtathletik-Freaks dem Turnverein an. Da die jungen Leute auch ihre organisatorischen Talente konsequent in die Vereinsarbeit einbrachten, besaß der TVB binnen Kurzem eine gut funktionierende Leichtathletikabteilung, in die sich natürlich auch die Läufer, Springer und Werfer der Turnabteilung integrierten (unter anderem Ute Gorber, eine der besten Sprinterinnen im Rheinland, Annelore Lang, Silke Goss, Christel Reichardt, Hans Kröninger).

Attraktiv war die Abteilung sehr schnell auch für Neu-Birkenfelder, vor allem Soldaten der 2. Luftwaffendivision und Bedienstete der Flugsicherung auf dem Erbeskopf wie Karl Herold, Helmut Striethorst, Erhard Ziggel oder Hans-Dieter Israng. Da es sich hierbei durchweg um erfahrene Leichtathleten aus größeren Vereinen handelte, gingen von ihnen sofort wichtige Impulse für Training und Betreuung des Nachwuchses aus. Den besten „Fang“ aber machte der Verein 1961/62 mit zwei Soester Leichtathleten, die ebenfalls aus beruflichen Gründen nach Birkenfeld verschlagen worden waren: Lotte und Klaus Leiß. Sie gehörte zur Spitze der deutschen Speerwerferinnen, hatte 1958 an den Europameisterschaften in Stockholm teilgenommen und wurde erwartungsgemäß Birkenfelds renommierteste Leichtathletin der 1960er-Jahre. Er übernahm im Frühjahr 1963 (vom Verfasser) die Leitung der Abteilung, die er in den nächsten zehn Jahren mustergültig ausbaute. Eine Fülle von Spitzenleistungen, aber auch eine gezielte Breitenarbeit sorgten dafür, dass die Birkenfelder Leichtathleten nicht nur auf Landes-, sondern auch auf Bundesebene von sich reden machten.

Bedarf es eines weiteren Beweises, dass der Turnverein schon Anfang der 1960er-Jahre über eine blühende Leichtathletikabteilung verfügte, die auf Nachwuchsförderung setzte, so liefert ihn die Vereinsstatistik: 1962 zählte der TV Birkenfeld 76 aktive Leichtathleten, die wenigstens einmal an den Start gingen; davon gehörten 32 zur Altersklasse der „Schüler“ und „Schülerinnen“ sowie 27 zur „männlichen“ und „weiblichen Jugend“. Mit anderen Worten: Es bestand ein solides Fundament, auf dem im Frühjahr 1963, nach meinem Wegzug aus Birkenfeld, der neue Abteilungsleiter Klaus Leiß aufbauen konnte.

Beim Festakt „150 Jahre TVB“ ehrte Vorsitzender Peter Nauert die aus großer Distanz angereisten früheren Motoren der Leichtathleten, Otmar Seul (3. von links), Lotte und Klaus Leiß (3. von rechts), mit der Jubiläumsplakette – wie (von links) Gregor Boden und Walter Schultheiß für sonstiges Engagement. Dem Vereinschef assistierten seine Vorstandskollegen Volker Fries (rechts) und Karsten Schultheiß.      Foto: Jürgen Pauly

*) Ein Pionier der Leichtathletikabteilung des TVB war der erfolgreiche Langstreckenläufer Otmar Seul, der die Sparte bis 1963 leitete. 

 

Quelle: Festschrift "160 Jahre TV Birkenfeld : 1848-2008", S. 88-90 


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