Einleitung

Zur Entwicklung der Leichtathletik in Spitze und Breite

Inhaltsverzeichnis

1. Triebfeder Olympia: der Beitrag der Straßenleichtathletik zur Gründung der Leichtathletikabteilung des Turnvereins Birkenfeld (1959)

2. Seniorenleichtathletik: ein Rezept zur Dynamisierung des Alterungsprozesses

3. Langzeitstudien als Indikator von Leistungsentwicklungen : zur historischen Dimension von „Ewigen Bestenlisten“

 

1. Triebfeder Olympia: der Beitrag der Straßenleichtathletik zur Gründung der Leichtathletikabteilung des Turnvereins Birkenfeld (1959)

Auf Stadt- und Verbandsgemeinde-Ebene dürften in Deutschland Ewige Bestenlisten“ oder „ Bestenlisten aller Zeiten“ in der Leichtathletik eher eine Seltenheit sein. In der Regel werden solche Bilanzen in Kooperation mit dem Deutschen Leichtathletikverband (DLV) oder seinen Mitgliedsverbänden und deren Untergliederungen auf Kreisebene erstellt. Aber auch in Mittel- und Großstädten kommt es heute häufig zur statistischen Erfassung der langzeitigen Leistungsentwicklung der Leichtathletik.

Wenn wir erstmals eine „Ewige Bestenliste von Stadt und Verbandsgemeinde Birkenfeld“ vorlegen, so geschieht das aus einem konkreten Anlass : die Leichtathletik-Abteilung des Turnvereins Birkenfeld feiert 2019 ihr 60jähriges Bestehen. Ein legitimer Grund, meinen wir, für einen Rückblick auf ihre sportliche Entwicklung, ja auf die Entwicklung der Leichtathletik in der Verbandsgemeinde schlechthin : denn die Abteilung hat sich seit 2008 dem Leichtathletik-Zentrum Birkenfeld (LAZ), angeschlossen. Einer solchen Trainings- und Startgemeinschaft der Leichtathletik treibenden Vereine der Verbandsgemeinde gehörte sie bereits von 1980 bis 1985 an, als Mitglied der Leichtathletik-Gemeinschaft Obere Nahe (LGON).

Wir messen die „Erfolgsbilanz“ der Leichtathleten des Turnvereins bzw von LAZ und LGON allerdings nicht einfach an der Zahl ihrer Meistertitel und Podiumsplätze von der Landesebene aufwärts bis zur internationalen Ebene. Als Mitbegründer und erster Leiter der Leichtathletik-Abteilung (1959-1963) kann ich bezeugen, dass unsere Initiative von 1959 nicht prioritär auf wettkampforientierten und trainingsintensiven  „Leistungssport“ oder gar auf „Eliteförderung“ zielte. Aus nachvollziehbaren Gründen : als integrierter Bestandteil des in Deutschland traditionsreichen „Turnbetriebs“ stand die Leichtathletik nach dem Zweiten Weltkrieg auch im geteilten Deutschland (1949-1990) im Rufe einer „Volkssportart“, sowohl in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) als auch in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Ausdruck vor allem des „Breiten-“ oder „Freizeitsports“, rückte die Leichtathletik zwangsläufig in den Fokus des am Gemeinwohl orientierten Staatsinteresses. Ihre Bedeutung für Gesundheit, Erziehung und Bildung der Bürger lag auf der Hand. Nicht zufällig war sie im Sportunterricht an Schulen und Gymnasien nach dem winterlichen Geräteturnen die dominierende Sommersportart.

Wenn unsere „Ewige Bestenliste“ mithin nicht auf Spitzenleistungen beschränkt bleibt und auch Ergebnisse auf Orts- und Kreisebene, die nicht in die Jahresbestenlisten des Landesverbandes Rheinland (LVR) eingegangen waren, registriert, so also zunächst, weil ein elitäres Konzept nicht der Tradition des Turnvereins entsprechen würde. Laut Satzung verfolgt der Verein – damals wie heute – „ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke“, nämlich „die Pflege und Förderung des Sports und der sportlichen Jugendarbeit“ (§ 1 Absatz 3) (1). Das Selbstverständnis der jungen Leichtathletik-Abteilung deckte sich 1959 durchaus mit der erklärten Zielsetzung des Landesverbandes : nämlich sich gleichzeitig dem Leistungssport und dem „Breitensport“ zu widmen. August Esser, der damalige Jugendwart, appellierte an die Vereine, sich Gedanken zu machen, „wie wir noch mehr die ‘breiten Massen’ ansprechen und gewinnen können (und) vor allem die Jugend (zu gewinnen) durch einen Übungsbetrieb, der zeitnahe, aufgeschlossen, pädagogisch durchdacht und ansprechend auch für den ist, der nicht das Talent zum Leistungssportler mit sich bringt (…).  Sport treibt mit Begeisterung im Alter nur, wer dies schon früh gelernt hat“ (2).

Appelle „von oben“, mit denen man in Birkenfeld offene Türen einrannte. Hier waren neue Impulse für die Leichtathletik schon in den frühen 1950er Jahren ausgegangen : weniger von Vereinsfunktionären als von talentierten und ambitionierten Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums, die, als Mitglieder des Turnvereins, mit landesweit beachteten Leistungen auf sich aufmerksam machten (3). Der unbestrittene Star war Hille Ostermann, 1953 Birkenfelds erste Rheinlandmeisterin nach dem Kriege. In der Jugendklasse gewann sie auf Anhieb drei Titel : über 100 Meter, im Weitsprung und im Fünfkampf. Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften sprang sie in ihrer Spezialdisziplin mit 5,38 Metern auf den sechsten Platz.

Aber erst Ende des Jahrzehnts reifte bei einem Dutzend Jugendlicher, wiederum Schüler des Gymnasiums, der Entschluss, sich organisatorisch vom traditionellen Turnbetrieb abzukoppeln und unter dem Dach des Turnvereins eine eigene Leichtathletik-Abteilung zu begründen (4). Unter dem Eindruck spektakulärer Geschehnisse : die Olympischen Spiele von Rom (1960) warfen ihre Schatten voraus und erwiesen sich als Initialzündung. Wenn die Leichtathletik – gerade aus deutscher Sicht - ihrem Ruf als Königin der Olympischen Spiele gerecht und Rom für die (seit 1956) gesamtdeutsche Mannschaft die bis dahin erfolgreichsten Spiele der Nachkriegszeit erleben sollte, so weil in ihren Reihen Weltklasse-Athleten wie Armin Hary, Manfred Germar, Carl Kaufmann, Jutta Heine oder Martin Lauer standen, deren internationale Erfolge in der Bundesrepublik schon vor 1960 Euphorie auslösten. Ihre Popularität verdankten diese Sportler nicht zuletzt der fulminanten Entwicklung des Fernsehens, das Ende der 1950er-Jahre damit begonnen hatte, Leichtathletik-Meisterschaften und Länderkämpfe „live“ zu übertragen.

So grassierte das Olympia-Fieber bereits vor Beginn der Spiele von 1960 auch in Birkenfeld. Der Enthusiasmus sollte noch zunehmen, als der (für den ASV Köln startende) Tiefensteiner Sprinter Bernd Cullmann aus Rom eine Goldmedaille mitbrachte : als Mitglied der siegreichen deutschen 4x100 m Staffel.

Infolge der zunehmenden Mediatisierung der Leichtathletik war uns Schülern bewusst geworden, dass diese Sportart eine Vielzahl von Disziplinen abdeckte und damit ein weitaus vielfältigeres Angebot enthielt als wir es von Schule und Verein her gewohnt waren. Hier wurde im Grunde genommen in erster Linie der Typ des Mehrkämpfers ausgebildet. Das Programm reichte für uns oft nicht über den klassischen Dreikampf hinaus und blieb weitgehend auf Kurzstreckenlauf (75m, 100m) Weitsprung und Kugelstoßen beschränkt. Die Entdeckung eines breitgefächerten Spektrums von Einzeldisziplinen bei Olympia löste somit einen regelrechten Motivationsschub aus. Er basierte auf der Erkenntnis, dass es nicht nur athletischer Vielseitigkeit, sondern auch einseitigen Begabungen förderlich war. Somit weckte es weit mehr sportliche Ambitionen als das begrenzte Angebot von Schulsport und Turnbetrieb.

Quod erat demonstrandum ! Ein Nachahmungseffekt war ausgelöst worden und reizte uns, die Probe aufs Exempel zu machen. Bei Mini-Olympiaden wollten wir unsere Talente testen. Seit 1958 führten wir auf dem Sportplatz an der Jahnturnhalle in Eigenregie Stadtteil- ja sogar Stadtmeisterschaften in der Leichtathletik durch. Bis auf Hürden- und Hindernislauf, Stabhochsprung und Hammerwurf, für die es in Birkenfeld weder Geräte noch Anlagen gab, kamen durchweg olympische Disziplinen zu Ehren. Teenager wurden somit zu lokalen ‘Pionieren’ der Leichtathletik, deren Enthusiasmus auch nicht durch das Fehlen einer 400 Meter-Aschenbahn getrübt wurde (5). Damals noch ein steiniger Hartplatz ohne Rundbahn, erlebte der Jahnplatz im 30. Jahr seiner Existenz zum erstenmal Langstreckenwettkämpfe unter ungewöhnlichen, das heißt erschwerten Bedingungen. So mussten über 10.000 Meter 30 statt 25 Runden, wie auf den international normierten 400 Meter-Bahnen englischen Zuschnitts, gelaufen werden, da die Umrundung typisch deutscher Turnplätze wie des Jahnplatzes nur 333,33 Meter maß (3 Runden = 1 km). Dabei dienten die vier Eckfahnen für die Wochenendspiele im Fußball und Feldhandball als Markierungen für die Lauftrasse. Der Jahnplatz war ein Mehrweckplatz, damals Birkenfelds einziges Sportfeld.

Ähnliche, durch die Olympischen Spiele ausgelöste Imitationseffekte gab es damals überall in der Bundesrepublik, wie August Esser, der Jugendwart des Landesverbandes fasziniert feststellte : „Auf den Schulhöfen, den Spielplätzen oder wo sich sonst Platz bot, wurden plötzlich tolle Rennen veranstaltet, man sprang über alle möglichen und unmöglichen Hindernisse, jeder verwandelte sich in einen Hary oder Kaufmann (…). Wer dies ungezungene Tun bewußt mitbeobachtete, konnte einmal mehr registrieren, daß in jedem Kinde die Freude an der natürlichen Bewegung vorhanden ist und es durch seine tummelhafte Betätigung seine Kräfte erfährt“ (6). Der Landesverband hielt unter Berufung auf Carl Diem, den wegen seiner NS-Vergangenheit umstrittenen, aber damals noch viel zitierten Nestor der deutschen Sportwissenschaft (7), die Olympischen Ideale in hohen Ehren. So sehr diese Ideale auch, wie Diem selbst bemängelte, von „zeitbedingten Dekadenzerscheinungen angekränkelt“ erschienen (zitiert nach August Esser), so wurden sie vom Verbandsvorsitzenden Willi Klein dennoch, nach wie vor, als Richtschnur für „die körperliche und charakterliche Ertüchtigung der Jugend“ beschworen (8). Die Leichtathletik galt der Verbandsspitze als Inbegriff und Garant eines sauberen Sports, solange Trainer, Betreuer und Funktionsträger ethische Werthaltungen zu verkörpern und vermitteln wussten. „Wenn ich die Jugend beobachte – stellte ihr Jugendwart begeistert fest - wie sie in ungekünstelter Art und Weise den ‘Großen’ nacheiferte, wie für sie der kleinste Dorfplatz zum Olympiastadion wurde, dann meinte ich, daß hier eine faire Gesinnung spürbar ist. Hier ist eine echte Aufgabe für die Erwachsenen gegeben, den vorhandenen guten Willen und Kern zu pflegen und vor zerstörenden Kräften zu bewahren“ (9).

Mini-Olympiaden in Eigenregie wie in Birkenfeld aber setzten bei uns Leichtathletik-Freaks im Teenager-Alter nicht nur ein hohes Maß an Motivation und schöpferischem Geist, sondern ebenfalls bereits praktische Erfahrungen mit der Durchführung von Sportveranstaltungen voraus. Dies war tatsächlich der Fall. Solche Erfahrungen waren seit Mitte der 1950er Jahre im Rahmen des Birkenfelder Straßenfußballs gesammelt worden: er basierte auf der Selbstorganisation von Jugendlichen, die sich zu Straßenmannschaften zusammenschlossen und jährlich – nicht nur auf dem Jahnplatz, sondern, mangels ‘Bolzplätzen’, auch auf Wiesen (mit weidenden Kühen in unmittelbarer Nachbarschaft) - eine Stadtmeisterschaft ausspielten. Kleinere Straßen konnten föderieren und Stadtteilteams bilden. Dies war in meinem Wohnviertel rund um den Park des Großherzoglich-Oldenburgischen Schlosses der Fall, wo die Am Gaurech, Am Prämienmarkt und in der Parkstraße wohnenden Streetkicker unter dem Namen ‘Park’ zusammenspielten. In diesem Stadtteil bildete der Straßensport ein (informelles) soziales Netzwerk von Jugendlichen mit besonders hohem Aktivitäts- und Bindungsgrad aus – weil man sich „vom Gymnasium her kennt“. Will heißen : eine verlängerte Schulzeit bis zum Abitur ging mit ungleich mehr Freizeit für Spiel und Sport einher, als bei einem frühen Schulabschluss mit anschließender Berufsausbildung, wie er in den anderen Birkenfelder Straßenmannschaften gang und gäbe war (10).

Von daher wird verständlich, warum im Vorfeld der Olympischen Spiele von Rom die Initiative für die Straßenleichtathletik von den gleichen Gymnasiasten ausging, die in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre den Birkenfelder Straßenfußball gestaltet und spielerisch beherrscht hatten. Die Pioniere aus dem Stadtteil ‘Park’ brachten also nicht nur ihre erwachende Olympiabegeisterung, sondern vor allem auch ihr „know how“ in das Projekt ein (11). Unterstützung fanden die Olympioniken bei den Fachlehrern für Leibesübungen am Gymnasium – allen voran bei Erwin Rott und Karl Seul -, die ihnen beratend zur Seite standen und Material für die Zeit- und Weitenmessung zur Verfügung stellten.

Wer bei den Mini-Olympiaden seine Begabung entdeckt und zu „seiner“ Disziplin bzw. „seinen“ Disziplinen gefunden hatte, der traute sich bald auch Wettkämpfe auf Kreis-, wenn nicht Landesebene zu. Die Teilnahme an offiziellen Veranstaltungen aber setzte die Mitgliedschaft in einem eingetragenen Verein voraus. So schlossen sich die Straßenathleten, soweit sie nicht schon Mitglied waren, dem Turnverein an. Da die jungen Leute auch ihre organisatorischen Talente konsequent in die Vereinsarbeit einbrachten, besaß der Turnverein binnen kurzem eine gut funktionierende Leichtathletikabteilung, in die sich auch die Läuferinnen, Springerinnen und Werferinnen der Turnabteilung integrierten. Über die Straßenleichtathletik aber sind keine Athletinnen zum Turnverein gestoßen. Weibliche Jugendliche fanden keinen Zugang zu ihren alternativen Wettkampfformen. In der jungen Leichtathletik-Abteilung hingegen waren Frauen und weibliche Jugendliche stark vertreten und bestätigten damit einen bundesweiten Trend : 1960 gehörte die Leichtathletik zu den vier Sportarten mit dem höchsten Frauenanteil. Damals waren 80 % der weiblichen Sporttreibenden in der Bundesrepublik in Vereinen der Bereiche Turnen, Leichtathletik, Schwimmen und Tennis aktiv (12).

Wenn die Leichtathletik in den 1960er-Jahren ein populärer Breiten- und Freizeitsport war, so natürlich auch aufgrund entsprechender sportpolitischer Weichenstellungen. Schulen und Gemeinden erfreuten sich bei der Schaffung moderner Wettkampfstätten in zunehmendem Maße staatlicher Förderung („Goldener Plan“). So wurde auch der Birkenfelder Jahnplatz ausgebaut.1964 erhielt er eine dem internationalen Standard entsprechende 400 m-Rundbahn mit Tennenbelag. Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, zögerte die junge Bundesrepublik nicht, einen „legitimatorischen Konnex“ zwischen Breitensport und Leistungssport zu institutionalisieren. So enthielt 1966 die Charta des Deutschen Sportbundes einen ersten Ansatz zur Orientierung der Verbände an „öffentlichen Interessen“ : der Staat erklärte die Förderung des Sports grundsätzlich zur Aufgabe der öffentlichen Hand und übernahm die Finanzierungskompetenz für den Leistungssport (13).

 

2. Seniorenleichtathletik : ein Rezept zur Dynamisierung des Alterungsprozesses

Erst mit ihrer Öffentlichmachung kann die „Ewige Bestenliste“ die ihr zugedachte Funktion erfüllen. Sie soll eine werbewirksame Bestandsaufnahme der Leichtathletik in Stadt und Verbandsgemeinde Birkenfeld sein - nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite. Somit ließe sich die Bürgernähe dieser Sportart unter Beweis stellen. Je mehr Leistungen erfasst werden, desto größer ist die Zahl derer, die sich nachhaltig gewürdigt, ja „verewigt“ fühlen können. Ist eine Nennung in einer „Bestenliste aller Zeiten“ nicht der Erhöhung des Selbstwertgefühls förderlich ? Nicht nur individuell, sondern auch kollektiv, wenn die Leichtathletik eine ‘Familientradition’ begründet hat, auf die mit Stolz zurückgeblickt werden kann ?

Wenn „jede Arbeit ihres Lohnes wert“ ist, so verdient in Abwandlung dieses dem Evangelisten Lucas zugeschriebenen Bibelverses unseres Erachtens auch jede Leistung auf sportlichem Gebiet Anerkennung. Bliebe zu fragen, was unter Leistung zu verstehen ist : jede Anstrengung im Rahmen eines Wettkampfes, die, unabhängig von ihrer Qualität, ein reguläres Ergebnis zeitigt ? Oder soll Leistung mit Qualitätsbemessung einhergehen, also an die Erfüllung von Vorgaben „von außen“ gebunden sein ?

Die Ermessung einer Leistung kann – zweifellos - subjektiv ausfallen unter alleiniger Orientierung an den individuellen Gegebenheiten und Möglichkeiten. Leistung kann aber auch an hohe Ansprüche geknüpft sein, also nur dann Würdigung erfahren, wenn sie eine Mindestnorm erfüllt oder mit einer Platzierung im Spitzenbereich einhergeht, also zum Beispiel mit einem Rang in einer ‘10 Bestenliste’ oder selbst einer ‘100 Bestenliste’ auf Verbandsebene.

In dem jetzt vorgelegten Ersten Teil unserer „Ewigen Bestenliste“, der den Seniorinnen und Senioren gewidmet ist, entschieden wir uns für einen Kompromiss. Grundsätzlich soll jede reguläre Leistung statistisch erfasst werden – mit Ausnahme der vier jüngeren Seniorenklassen. Den Alterklassen M30/W30 bis M45/W45 verlangen wir Mindestleistungen ab. Solche Minima entfallen erst für Seniorinnen und Senioren ab 50 Jahren.

Wir glauben, plausible Gründe für unser Konzept geltend machen zu können.

Trotz kontinuierlichem Leistungsabfall – vom 30. Lebensjahr an nehmen Vitalkapazität (d. h. das Sauerstoffaufnahmevermögen) und die Lungenfasskraft ab - ist im Anschluss an die Aktivenjahre (Frauen, Männer) das Leistungsniveau bei den jungen Seniorinnen und Senioren noch relativ hoch, wie nachstehende Statistik und  Ehrentafeln belegen. So wurden in den 1960er und 1970er Jahren über Dreißigjährige wie Kitty Piontek im Diskuswurf noch Rheinland- und Rheinland-Pfalz-Meisterinnen bei den Frauen. Hier gewann Lotte Leiß im Speerwurf nicht nur noch Landesmeistertitel in Serie, sondern schaffte es gar noch in den Endkampf der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften ! In späteren Jahren erreichte bei Rheinland-Pfalz- und Westdeutschen Meisterschaften vor allem Elsbeth Schäfer im Gehen ebenfalls Podiumsplätze in der Frauen-Klasse. Angesichts solcher Spitzenleistungen von Dreißig- bis Vierzigjährigen ist nachvollziehbar, dass Nachbarländer wie Frankreich das Senioren-Alter erst ab 40 Jahren beginnen lassen. 

Trotz der noch ansprechenden Zahl von Wettbewerbern sowie der relativen Leistungsdichte bei den jungen Seniorinnen und Senioren (zumindest in den klassischen Disziplinen), hielten wir es für ratsam, unserer „Ewigen Bestenliste“ maßvolle Mindestleistungen zu unterlegen. Also keine Minima, die das Gros der Breitensportler überfordern und demotivieren könnten. Gradmesser soll der Leistungsdurchschnitt in Stadt und Verbandsgemeinde sein. Lediglich Ergebnisse, die weit unter diesem Niveau bleiben, sollen aus der Wertung fallen.

Da aber auch die Festlegung moderater Grenzwerte immer noch eine Sache des „persönlichen Ermessens“ bleibt, stellen wir unsere Kriterien für die Aufnahme von Ergebnissen in die „Ewige Bestenliste“ zur Diskussion. Bei der alljährlichen Aktualisierung der Bestenliste kann Verbesserungsvorschlägen Rechnung getragen werden (14).

Wenn wir fürs erste vorschlagen, bei Athletinnen und Athleten, die ein halbes Jahrhundert „auf dem Buckel“ haben (ab M50/W50), auf weitere Minima zu verzichten, so können wir auch hier nur subjektive Gründe geltend machen. Sie hängen mit unserer Wahrnehmung des Alterungsprozesses und vor allem der besonderen Funktion, die wir mit der „Ewigen Bestenliste“ dem Alterssport einräumen, zusammen. Soll die Leichtathletik dem Seniorensport neue Impulse geben, so halten wir es für unerlässlich, dass sie sich brachliegende oder weitgehend ungenutzte Potenziale erschließt.

Tatsächlich handelt es sich bei den Seniorinnen und Senioren um eine Zielgruppe von gesellschaftlicher Relevanz, die zahlenmäßig am stärksten wächst und nicht zufällig in den Fokus der Freizeit- und Sportinustrie geraten ist : das Statistische Bundesamt erwartet für das Jahr 2050 eine Verdoppelung des Anteils der über Sechzigjährigen an der Gesamtbevölkerung auf 40 Prozent. Ein demografischer Wandel, der mit zunehmender physischer und geistiger Fitness im Alter einhergeht, mithin die Nachfrage nach Sport und Bewegungsangeboten in den Bereichen Prävention und Rehabilitation sowie nach Freizeit und Breitensport erhöht (15). Die Leichtathletik-Abteilungen sind folglich gut beraten, ‘mitzubieten’, wenn es darum geht, sich den Prozess der Dynamisierung des Alters zunutze zu machen. Denn die Sportmedizin weist nach, dass mit maßvollem Sport in jedem Alter begonnen werden kann, das heißt Kreislauf und Muskulatur auch noch mit siebzig und mehr Jahren trainierbar sind (16). Ein Trend, der sich in unserer „Ewigen Bestenliste“ in den gehobenen Altersklassen der Seniorinnen und Senioren wiederspiegelt, wo Fünfzig- und Sechzigjährige erstmals zur Leichtathletik finden. Vor allem aber signalisiert die Bestenliste, dass die Grenzen der Leistungsfähigkeit immer weiter hinausgeschoben werden. Als regelrechte Pioniere erweisen sich somit in unseren Reihen :

  • bei den Senioren, Eric Janicaud, der als Erster in die Altersklassen M75 (1994), M80 (2000) und M85 (2004) vorstieß ;
  • bei den Seniorinnen, Elsbeth Schäfer, die als Erste in den Altersklassen W65 (2007) und W70 (2012) aktiv war.  

Vor 60 Jahren, als wir die Leichtathletik-Abteilung des Turnvereins Birkenfeld begründeten, war eine solche Entwicklung nicht absehbar. Die Turnerinnen und Turner im Seniorenalter, die damals - zumeist im Rahmen des „volkstümlichen Turnens“ - an leichtathletischen Wettbewerben teilnahmen, waren in der Regel zwischen 30 und 50 Jahren alt. Seitens des Leichtathletik-Verbandes Rheinland gab es sehr wohl schon Versuche, den Alterssport zu fördern - unter Hinweis auf neueste sportwissenschaftliche Untersuchungen. Hubert Huppertz, der Lehrwart des Verbandes, konnte feststellen, dass „viele erstaunliche körperliche Leistungen gerade von Männern und Frauen erzielt wurden, die bereits die 40, 50 und 60 Jahre überschritten hatten (…). Sie bestätigen, dass durch die Leibesübungen die Möglichkeiten gegeben sind, die Alternsvorgänge hinauszuschieben und (…) eine Verlängerung der produktiven Lebensspanne einsetzt“ (16). Hier wird wohldosierten, dem Alterungsprozess ab 30 Jahren angepassten Leibesübungen das Wort geredet, deren Grundlagen bereits im Schulsport gelegt werden sollen : „Sportliche Leistung in der Jugend (ist) ein Kapital, das sich im Alter verzinst. Es muss immer wieder neu erworben werden (Nöcker) (…) Holt also eure Rennschuhe von der Wand und die Traingsanzüge aus der Mottenkiste“ (17). Dem hier gehuldigten Typus des Leichtahleten mit reibungslosen Übergang vom Aktivensport zum Seniorensport entsprechen die Karrieren der beiden international erfolgreichsten Athleten der Verbandsgemeinde :

  • Peter Mirkes, zwischen 1978 und 1994 vielfacher Senioren-Europameister und Weltmeister im Sprint, kam nach einer erfolgreichen aktiven Laufbahn (Rotweiß Koblenz, Spora Luxemburg) im mittleren Seniorenalter (M45) nach Birkenfeld ;
  • Lilo Hartenberger, 2017 Seniorinnen-Europameisterin über 10 000 Meter (W65), ist der Leichtathletik ebenfalls seit Jugendjahren verbunden. Seit ihrer Übersiedlung - im 22. Lebensjahr - ins Birkenfelder Land, kann sie auf die längste (noch andauernde) Seniorinnen-Karriere der Verbandsgemeinde zurückblicken (W30-W65).

Aber auch Seiteneinsteiger, die erst im fortgeschrittenen Seniorenalter zur Leichtathletik finden, sind in der „Ewigen Bestenliste“ präsent. Der erfolgreichste Vertreter dieser Spezies ist Dr. Martin Müller, der als Mitsechziger seine ersten Wettkämpfe bestritt und seitdem in allen Altersklassen (M 65-M 80) die Mittel-und Langstrecken dominiert. Er ist nach Peter Mirkes der einzige Senior, der sich mehrfach für die Finalläufe der Deutschen Seniorenmeisterschaften qualifizierte : 2011 wurde er Deutscher Vizemeister über 800 m in der Altersklasse M 75.

Einen anderen Typus des Seiteneinsteigers repräsentiert Alfred Schinnerer. Er fand nach seiner aktiven Zeit als Fußballer (TuS Leisel) zur Seniorenleichtathletik. Seine körperliche Fitness garantierte ihm rasch Erfolge auf den Mittel-und Langstrecken : bis heute gewinnt er Meistertitel auf rheinländischer und rheinland-pfälzischer Ebene (M 60-75). Neuzugänge kamen aber auch aus anderen Sportarten. Vor allem in den 1970er und 1980er Jahren, als sich neben ehemaligen Geräteturnern Handballer des Turnvereins Birkenfeld in den Altersklassen M 30-M 50 (vor allem im Dreikampf und in den technischen Disziplinen) in die Seniorenwettbewerbe einbrachten.

Bei der Suche nach den Gründen für die Entwicklung des Seniorensports reicht der Hinweis auf demografische Trends und die verbesserte Lebensqualität im Alter nicht aus. Denn dem Deutschen Leichtathletikverband und seinen Landesverbänden muss bescheinigt werden, mit konzpetuellen Neuerungen die Seniorenwettkämpfe attraktiver gestaltet zu haben. So erfährt die Senioren-Leichtathletik im Rheinland schon in den 1970er Jahren eine Aufwertung, dank vor allem zweier Maßnahmen : 

  • die Zählung nach Altersklassen I-V entfällt und macht einer Neueinteilung im Fünf-Jahresrhythmus Platz, deren Spektrum von den Dreißigjährigen (M/W30) bis zu den Hundertjährigen (M/W100) reicht;
  • die jährlichen Seniorensportfeste auf Landesebene im Dreikampf werden durch Senioren-Meisterschaften in den olympischen Einzelwettbewerben ersetzt, wobei pro Altersklasse in allen Disziplinen Jahresbestenlisten vorgelegt werden - wie bei Jugendlichen und Aktiven.

Wir können – nicht ohne Verblüffung - feststellen, dass bei der attraktiveren Gestaltung der Senioren-Leichtathletik auf Bundes- und Verbandsebene im Grunde genommen so verfahren wurde wie schon Ende der 1950er Jahre bei der Neuorientierung der Leichtathletik in Birkenfeld, ausgelöst durch die spontanen Mini-Olympiaden der Straßenleichtathleten: Wegbewegung vom Monopol des der Tradition des Turnbetriebs verhafteten ‚Mehrkampfs‘, Hinbewegung zu den ‚Einzeldisziplinen‘ des  Olympischen Programms. Mit dem Ausbau der Frauenwettbewerbe hat dieses Programm seine wohl spektakulärste und nachhaltigste Neuerung erfahren. Sie hängt mit der in den 1980er Jahren einsetzenden weltweiten Jogging-Welle – einer globalen ‘Kulturrevolution’ –  zusammen, die den Anteil der Frauen  an den Freizeitläufern steil ansteigen ließ.

Wie sehr sie auch die Seniorinnen-Leichtathletik prägte, lässt sich anhand unserer „Ewigen Bestenliste“ ermessen: die bis dahin quasi ignorierten Mittel-und Langstrecken, ja sogar die Gehwettbewerbe, liegen auf einmal ‚im Trend‘ und heben den Altersdurchschnitt der aktiven Seniorinnen an: erstmals gibt es Vierzig- bis Fünfzigjährige, die wettkampfmäßig längere Strecken laufen oder gehen. Eine ‚Zeitenwende‘, die, zugegeben, mit einseitiger Spezialisierung einhergeht – auf Kosten der klassischen, dem Turnbetrieb vertrauten Disziplinen, die beim ‚Mehrkampf‘ abgerufen werden.

 

3. Langzeitstudien als Indikator von Leistungsentwicklungen : zur historischen Dimension von „Ewigen Bestenlisten“

Mit der „Ewigen Bestenliste“ sollen – wie gesagt - der Leichtathletik in Stadt und Verbandsgemeinde Birkenfeld neue Impulse gegeben werden. So galt es zu überlegen, wie die Liste werbewirksam öffentlich gemacht werden konnte. Die angedachte Ideallösung, sie auf der Webseite der Stadt Birkenfeld ‘online’ zu stellen, stieß bei Stadtbürgermeister Miroslaw Kowalski sofort auf Gegenliebe. So sei ihm und dem Betreuer der städtischen Homepage, Uwe Scherer, dafür gedankt, dass der jetzt vorgelegte, Seniorinnen und Senioren gewidmete erste Teil der Bestenliste Bürgern und Vereinen ab sofort unter dem Link  www ???? abgerufen werden kann.

Der den Aktiven und Jugendklassen (U20, U18, U16) zugedachte Zweite Teil der Bestenliste soll im Herbst 2019 veröffentlicht werden.

Unser besonderer Dank gilt all jenen, die uns bei der Konzipierung des Projekts beraten und/oder bei der Sammlung der Daten behilflich gewesen waren. Allen voran Altbürgermeister Peter Nauert, der Ehrenvorsitzende des Turnvereins Birkenfeld, sowie der Pressesprecher des Landkreises Birkenfeld, Karsten Schultheiß, langjähriger Stellvertretender Vorsitzender des Turnvereins, zwei ausgewiesene Kenner des Sportgeschehens in Stadt und Verbandsgemeinde Birkenfeld.

Von großem Wert war für uns die von Reinhold Becker (TuS Tiefenstein) vorgelegte „Bestenliste der 50 Besten 1950-2000“ (Selbstverlag). Ihm gebürt das Verdienst, die Entwicklung der Leichtathletik im Kreis Birkenfeld als Erster statistisch nachvollzogen zu haben. Sein (Halb-) Jahrhundertwerk bildete für uns die Grundlage für die Erfassung der Leistungen auf Verbandsgemeindeebene. Alle Daten wurden anhand der Jahrbücher des Leichtathletikverbandes Rheinland (LVR), der Kreisbestenlisten sowie – soweit vorhanden - der jährlichen Ergebnisliste des Turnvereins Birkenfeld überprüft, d. h. gegebenenfalls korrigiert und ergänzt. Leistungen, die in die Zeit nach der Jahrtausendwende fallen, also nach Erscheinen von Beckers Ewiger Bestenliste, wurden mithin zum ersten Male in eine Langszeitstudie wie die unsrige eingebaut.

Die wertvollste Hilfe bei der Überprüfung der bisher vorliegenden Bestenlisten sowie der Sammlung neuerer Daten leisteten Heinz Hofmann, der Seniorenwart des Leichtathletikkreises Birkenfeld, sowie der Koblenzer Statistiker Hans Gast : ersterer stellte uns sein bis in die 1950er Jahre reichendes Archiv an LVR-Jahrbüchern und Kreisbestenlisten zur Auswertung zur Verfügung ; letzterer seine elektronische „Bestenlisten aller Zeiten“ für Rheinland-Pfalz (www.leichtathletikarchiv-rheinland-pfalz.de). Die Originalität von Gasts Initiative besteht darin, dass er seine Listen auf der Grundlage der Jahrbücher der drei (rheinland-pfälzischen) Landesverbände Rheinland, Rheinhessen und Pfalz erstellt. Aufschlussreich ist seine Bilanz vor allem für die Jahre 1949-1966, d. h. die Zeit vor der Einführung von Rheinland-Pfalz-Meisterschaften: sie gestattet nachträglich direkte Leistungsvergleiche zwischen diesen drei Landesverbänden des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV). Ihre Bedeutung für unser Projekt liegt nicht zuletzt darin, dass Gasts elektronisch erfasste Bestenlisten (mit oft mehr als 100 Nennungen pro Disziplin) beim Nachweis offensichtlicher Fehler und Lücken in den Printfassungen der LVR-Jahrbücher sowie der Kreis- und Vereinsbestenlisten, nachträgliche Korrekturen und Ergänzungen erlauben und damit einer permanenten Aktualisierung der Bestenlisten „aller Zeiten“ förderlich sind.

Das wohl mühsamste Unterfangen bei der Verwirklichung unseres Projekts war die Erstellung der Ehrentafeln, d.h. die Auflistung der besten Platzierungen bei Meisterschaften auf Verbands-, regionaler-,   Bundes- und internationaler Ebene. Sie waren bislang nicht systematisch erfasst worden. Bei ihrer Komplettierung waren wir auf die Mithilfe der betroffenen Athleten angewiesen. Für die Vermittlung der entsprechenden Kontaktadressen danken wir vor allem Peter Nauert sowie Gerd Hartenberger und Erik Schmidt, dem früheren und dem heutigen Geschäftsführer des Leichtathletikzentrums (LAZ).

Trotz aller Bemühungen um eine gesichterte Bilanz der Seniorenleichtathletik, können wir aber hier noch keine lückenlose und fehlerfreie „Ewige Bestenliste“ vorlegen. Dazu stehen seitens der heutigen und früheren Leistungsträger noch zu viele Angaben zu den Ehrentafeln aus. Weiterhin gilt es, die im Rahmen des Turnbetriebs erzielten Leistungen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten systematischer als bisher auszuwerten. Auf der Suche nach urkundlich belegten Leistungen in den leichtathletischen Disziplinen könnten sich Familien- und andere Privatarchive als Fundgrube erweisen.

Solche Nachträge sollen – ebenso wie Korrekturen - anlässlich der jährlichen Aktualisierung der „Ewigen Bestenliste“ vorgenommen werden (18).

Da die historische Dimension unserer Langzeitstudie nicht bestritten werden kann, betrachten wir sie als einen Beitrag zur Erforschung der Geschichte des Heimatsports. Ein Prozess, den im Grunde genommen Karsten Schultheiß vor über 30 Jahren angestoßen hat : der von ihm und Gleichgesinnten begründete Brückener ‘Sportmonitor’ bilanziert nicht nur die laufende Fußballsaison an der Oberen Nahe, sondern gibt auch auch Einblicke in die Geschichte der Vereine, erinnert an legendäre Spielerpersönlichkeiten oder lässt Zeitzeugen zu historischen Ereignissen zu Wort kommen.

Der Sport als Bestandteil der Heimatgeschichte ? Ohne Zweifel ! Bedarf es eines Beweises, dass er im Kreis Birkenfeld als identitätsstiftend begriffen wird, so liefert ihn 2014 die Kreisverwaltung : das Leitthema des von ihr herausgegebenen ‘Heimatkalenders’ ist „König Fußball" gewidmet. Warum  sollte nicht auch die so lange als Volkssportart begriffene Leichtathletik Spuren im  „kollektiven Gedächtnis" (19) hinterlassen haben ?


Paris / Birkenfeld, im August 2018                             

Otmar Seul

Der Autor (* 1943) ist emeritierter Professor für deutsche Rechtssprache und Zeitgeschichte an der Universität Paris-Nanterre. Während seiner Jugendzeit in Birkenfeld (1950-63) war er Allroundsportler im Turnverein Birkenfeld (Turnen, Handball, Leichtathletik) und Sportclub Birkenfeld (Fußball). Er war Mitbegründer und erster Leiter der Leichtathletikabteilung des Turnvereins (1959-1963). 1961 wurde er  Birkenfelds erster (männlicher) Rheinlandmeister nach dem II. Weltkrieg (Cross und 3 000 m, U19). Im selben Jahr erhielt er als einziger Leichtathlet des Kreises Birkenfeld die Bestennadel des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Er war mehrfacher Finalteilnehmer bei deutschen Jugend-, Junioren- und Hochschulmeisterschaften  über 3000 m und 5000 m (1961-1965). 1965 wurde er mit dem Männer-Team der Universität Mainz Deutscher Hochschulmannschaftsmeister in der Leichtathletik.

 

Fußnoten:

(1) Auszug aus der revidierten Fassung der Satzung vom 28. Mai 1999.

(2) August Esser : Auf bewährten Wegen ging es weiter, in LVR (Hg.): Leichtathletik im Rheinland 1960, Koblenz (LVR) 1960, S. 29. Im Olympiajahr 1960 wertete Willi Klein, der Verbandsvorsitzende des LVR, die steigenden Mitgliederzahlen in den Vereinen, die zunehmende Wettkampftätigkeit, die große Beteilung der Schulen an der Deutschen Mannschaftmeisterschaften sowie den Trend zum Erwerb des Mehrkampfabzeichens als „sicheres Zeichen dafür, dass die Leichtathletik auf dem Wege zum ’Volkssport’ weiter an Bedeutung zugenommen hat “ (ebd. S. 6).

(3) Siehe hierzu den 2019 erscheinenden Teil II unserer „Ewigen Bestenliste“ zu den Altersklassen der Jugendlichen und der Aktiven.  

(4) Zu den Anfängen der Leichtathletik-Abteilung und ihren Pionieren, siehe unseren grundlegenden Artikel von 1998 im ANHANG : Otmar Seul : „Mini-Olympiaden auf einem ‘Kartoffelacker’“, in 160 Jahre Turnverein Birkenfeld 1848-2008, Festschrift des Turnvereins Birkenfeld, 2008, S. 88-90 (Neuabdruck eines Beitrags aus der Festschrift zum 150-jährigen Bestehen des Turnvereins, 1998).

(5) Eine dem Standard entsprechende 400 m-Laufbahn gab es im Kreis Birkenfeld in den 1950er Jahren nur im Tiefensteiner Staden. Die Bezeichnung Aschenbahn leitet sich vom damals üblichen Bodenbelag ab :„einem Schotter- oder Schlackenbett mit einer festgewalzten Deckschicht aus einem Asche-, Buntsandstein- oder Sand-Gemisch“ (Wikipedia, Stichwort ‘Aschenbahn’ : https://de.wikipedia.org/wiki/Aschenbahn).

(6) August Esser, 1960, a. a. O. S. 27.

(7) Diem war hoher NS-Sportfunktionär und Organisator der Olympischen Spiele von Berlin, 1936.

(8) Willi Klein, der Vorsitzende des Leichtathletik-Landesverbandes Rheinland (LVR) : Die Leichtathletik hat auf dem Weg zum ‘Volkssport’ weiter an Boden gewonnen, in LVR (Hg.) : Leichtathletik im Rheinland 1960, Koblenz (LVR) 1960, S. 6.

(9) Jugendwart August Esser a. a. O. S. 27.

(10) Der Birkenfelder Kommunalpolitiker Gerd Reiner Bahr, seinerzeit Mitglied des ‘Park’-Teams, erinnert sich : „Da ich ab April 1959 als Lehrbub bei der Stadt Birkenfeld angefangen habe, war ich wohl nicht sehr häufig bei den Spielen dabei. Das kann ja nur außerhalb meiner Dienstzeit gewesen sein, also samstagnachmittags oder sonntags. Während der Woche war so was nur nach 17h30 möglich. An Spiele auf der Burg, auf der Wiese am Pulverturm und in Feckweiler kann ich mich noch erinnern“ (21. Dezember 2015).

(11) Selbstorganisation beinhaltete auch Archivierung der Ergebnisse sowie ihre Auswertung in Form von Straßen- und Stadtrekordlisten, inklusive Öffentlichmachung (durch Aushänge an der Jahnturnhalle oder gar sportjournalistische Versuche : durch selbstverfasste, handgeschriebene Berichte, die unter den Teilnehmern zirkulierten).

(12) Nach Angaben des saarländischen Landesausschusses Frauen im Sport, in Leitfaden Frauen im Sport 2016, Saarbrücken (Landessportverband für das Saarland) 2016, S. 21 - https://www.lsvs.de/fileadmin/user_upload/Leitfaden_Frauen_im_Sport_2016.pdf

(13) Vgl. Joachim Winkler : „Entwicklung und Stellenwert des Breitensports in der Sportpolitik der Sportselbstverwaltung“,  in : Binnewies, Harald; Thieme, Birgit : „Freizeit- und Breitensport 85“. Bd. 2, Ahrensburg: Czwalina (Verlag), 1986, S. 212-224

(14) Wir schlagen vor, ihre Aktualisierung einem Gremium mit Sachkompetenz zu übertragen, mit Vertretern vor allem des Leichtathletikzentrums (LAZ) und des Turnvereins Birkenfeld.

(15) vgl. u. a. Hademar Bankhofer, Peter Großmann : Naturdoping. Fit ohne fiese Tricks. Köln, Bastei-Lübke-Verlag 2011

(16) Hub Huppertz : Warum Alterssport ? in LVR (Hg.): Leichtathletik im Rheinland 1960, Koblenz (LVR) 1960, S. 23.

(17) ebd. S. 25

(18) Nachträge und Korrekturen sind postalisch zu richten an Stadt Birkenfeld, Hauptstraße 9, 55 765 Birkenfeld oder par Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!unter Angabe des Kennworts Leichtathletik.

(19) Redaktionsleiter Karsten Schultheiß im Editorial : „Legende kann nach unserem Verständnis nur sein, wer auch Jahrzehnte nach dem Ende seiner Karriere noch im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Wenn jemand den Fußball in seinem Ort nachhaltig prägt, ist er auch jüngeren Generationen noch bekannt" ; in Heimatkalender des Landkreises Birkenfeld 2014, Birkenfeld (Prinz Druck, Idar Oberstein) 2013, S.11


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